
Geschichte
Geschichte der Sozialen Arbeit und der Beruf der Fürsorgerin
Soziale Arbeit entstand in Wien nach dem Ersten Weltkrieg, als ein Großteil der Bevölkerung in Armut lebte. Vor allem Frauen engagierten sich in den unterschiedlichen Wohltätigkeitsorganisationen. Im „Roten Wien“ (1919–1934) wurden Institutionen wie das Jugendamt oder die Tuberkulosefürsorge ausgebaut. Die bürgerliche Frauenbewegung forderte qualifizierte Beschäftigungsmöglichkeiten und berufliche Aufstiegschancen für Frauen. Daraus entwickelte sich schrittweise ein neuer Beruf für Frauen: Fürsorgerin.
Hunderte Fürsorgerinnen arbeiteten für die Stadt Wien oder für private Träger, wie konfessionelle Einrichtungen oder philanthropische soziale Vereine. Sie unterstützten Familien und betreuten Kinder und Jugendliche, teils in Horten oder Heimen. Für Personen in schwierigen Lebenslagen versuchten sie, ein passendes Angebot zu finden, doch knappe Mittel und starre Strukturen standen dem oft im Weg. Inwieweit ihre Arbeit Menschen kontrollierte oder emanzipierte, hing oft von der Institution ab, für die sie tätig waren. Mit der Professionalisierung des Berufs entstanden Ausbildungsstätten und feste Anstellungsverhältnisse. Ab 1926 waren auch Frauen ohne Matura bei der Stadt Wien tätig, als sogenannte Hilfsfürsorgerinnen. Der Beruf der Fürsorgerin eröffnete vielen Frauen erstmals Wege zu finanzieller Unabhängigkeit und öffentlicher Sichtbarkeit.
Verfolgung, Vertreibung und Widerstand
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 wurde die öffentliche Fürsorge in den Dienst der NS-Ideologie gestellt. Jüdische Fürsorgerinnen sowie Mitarbeiterinnen, die als nicht regimetreu galten, wurden entlassen. Hilfe wurde nun nach rassistischen und politischen Kriterien gewährt oder verweigert. Fürsorgerinnen wurden zu „Volkspflegerinnen“ und mussten sich entscheiden: für aktive Mitwirkung, Anpassung oder Widerstand.
Einige wenige Fürsorgerinnen widersetzten sich den Vorschriften, unterstützten Verfolgte im Verborgenen oder halfen ihnen bei der Flucht. Jene, die fliehen mussten, trugen ihr Wissen aus Wien in die Exilländer oder kehrten nach dem Ende der NS-Herrschaft zurück, um die Profession wieder aufzubauen. Doch viele Verluste waren unwiederbringlich: Kolleginnen wurden von den Nazis ermordet, Lebens- und Berufswege wurden zerstört und mühsam aufgebaute Strukturen zerschlagen.
Die Biografien dieser Frauen, die sich gegen das NS-Regime auflehnten, und besonders jener, die einen Bezug zu Favoriten hatten, werden in dieser Ausstellung vorgestellt. Sie laden uns ein, über Verantwortung und die ethischen Grundlagen des Berufs nachzudenken – damals wie heute.